Objekt des Monats

Mai 2021

Der Eiserne Helfensteiner

Im Jahr 1915, als der Erste Weltkrieg bereits seit mehreren Monaten wütete und Lazarettzüge regelmäßig in Geislingen hielten, schlug Kommerzienrat Hugo Fahr, Leitender Direktor der WMF, der Stadtverwaltung vor, eine sogenannte „Kriegsnagelung“ durchzuführen. Die Kosten für das Projekt übernahm Fahr persönlich. Der Erlös sollte hälftig an das Rote Kreuz und an die städtische Hilfskasse gehen.

Kriegsnagelungen wurden ab 1915 überall im Kaiserreich abgehalten: Gegen eine Spende für Kriegsversehrte oder Hinterbliebene konnte die Bürgerschaft eine Holzfigur mit Eisennägeln beschlagen. Dieser gemeinschaftsstiftende patriotische Akt sollte Solidarität für die Frontsoldaten ausdrücken. Die Propaganda des ersten mit modernen Waffen geführten Kriegs griff häufig auf mittelalterliche, bewaffnete Figuren zurück, um das Bild eines ehrenhaft geführten Kampfs des Guten gegen das Böse zu vermitteln. Die Auswahl der historischen oder literarischen Vorlage war außerdem häufig lokalgeschichtlich motiviert. So entschied sich die Stauferstadt Göppingen für einen „Eisernen Barbarossa“ und Stuttgart für den „Wackren Schwaben“ aus Ludwig Uhlands gleichnamiger Ballade. Geislingen wählte entsprechend ein nicht näher definiertes Mitglied des Grafengeschlechts von Helfenstein, aus der Dynastie der Stadtgründer. Der im Kettenhemd gekleidete, schwer bewaffnete Ritter wirkt kampfbereit. Seine linke Hand stützt sich auf den Schild mit der Geislinger Stadtrose, auf dem Helm ist das Rote Kreuz zu sehen und die Lanzenfahne trägt die Inschrift „Kriegswahrzeichen von Stadt und Bezirk Geislingen 1914/16 – den Helden zur Ehr, der Not zur Wehr“.

Am 15. September 1915 stimmte der Geislinger Gemeinderat dem künstlerischen Entwurf des Eisenmannes zu. Am 21. November 1915 wurde die 1,70 Meter hohe Holzstatue feierlich in der Geislinger Turnhalle enthüllt und die städtischen Honoratioren schlugen erste Nägel hinein. Danach begann die allgemeine Nagelung für einzelne Bürger, Schulen und Vereine. Ein einfacher Eisennagel kostete 10 Pfennig, größere Schmucknägel bis zu 25 Mark. Auf den großen Nägeln sind heute noch die Zeichen Geislinger Vereine, Geschäfte und Firmen zu erkennen.

Am 20. August 1916 war die Nagelung vollendet und 5450 Mark zusammengekommen. Bis zum Kriegsende im November 1918 stand die Statue links vom Haupteingang des Rathauses bevor sie 1919 in die Sammlung des frisch gegründeten Kunst- und Altertumsvereins überging. Seitdem wacht der Eiserne Helfensteiner über die Geislinger Museumssammlung. Zuletzt verließ die schwere Figur 2014 den Alten Bau, um anlässlich des 100. Jahrestags des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs Teil der Sonderausstellung „Handmarie und Nagelritter. Das Geislinger Rote Kreuz und der Krieg daheim“ im Rotkreuz-Landesmuseum zu sein.

Der “Eiserne Helfensteiner“ ist im ersten Stock des Museums im Alten Bau, in der Stadtgeschichtlichen Schau, zu sehen.

Der Eiserne Helfensteiner

Der “Eiserne Helfensteiner
Herstellungsort/-jahr: Geislingen an der Steige, 1915
Entwurf: A. Mayer, Umsetzung: Brunnhuber und Ruisinger (WMF)
Material: Erlenholz, Eisen
Inv.-Nr.: 391

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