Objekt des Monats

September 2021

Schachspiel aus Walrosselfenbein

Das Geislinger Traditionshandwerk der Elfenbeinschnitzerei lässt sich mittels urkundlicher Belege bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Beindrechsler, die etwa Knochen und Geweihe bearbeiteten, gab es laut archäologischen Funden allerdings schon im 13. Jahrhundert. Zu den besten Zeiten dieses Gewerbes, im 16. bis 18. Jahrhundert, lebte sogar jeder fünfte Geislinger von diesem Handwerk. Dabei erwies sich die Lage des Städtchens auf der Handelsstraße zwischen Nord- und Süddeutschland und Richtung Oberitalien als sehr günstig, um das Elfenbein von Venedig aus nach Geislingen anzuliefern. Bekanntheit erlangten die Geislinger Beindrechsler und Elfenbeinschnitzer für ihre filigranen Arbeiten.

Das wohl bekannteste Geislinger Elfenbeinkunstwerk ist das Schachspiel aus Walrosselfenbein des Johann Friedrich Knoll (1780–1844). Dieser Elfenbeinschnitzer, Schultheiß und Feldvermesser war der Vater von Michael Knoll, dem Erbauer der Geislinger Eisenbahnsteige. 1813 fertigte er das Schachspiel als sein Meisterstück an. Die 32 Figuren tragen westliche und orientalische Uniformen und Trachten, die mit viel Liebe zum Detail dargestellt wurden. Je nach Funktion der Spielfigur, ob nun Springer, Turm oder einfacher Bauer, sind die schwarzen und weißen Sockel unterschiedlich geschnitzt. Am eindrucksvollsten sind die beiden Herrscherpaare: auf der einen Seite Kaiser und Kaiserin mit christlichem Kreuz auf der Krone, und auf der Gegenseite der prachtvoll gekleidete Sultan mit Scimitar (orientalischem Säbel) und seine türkische Ehefrau. Die Figur der Minerva, die römische Göttin der Weisheit – nicht ganz unwichtig für einen Schachspieler – und Beschützerin der Handwerker, erfüllt eine rein dekorative Funktion und rundet das Figurenset ab.

Nachdem Johann Friedrich Knoll das Schachspiel auf dem Wiener Kongress von 1814/15 an einen der dort versammelten Herrscher zu verkaufen suchte – was sich trotz des Interesses mancher Fürsten aufgrund der leeren Kassen nach den napoleonischen Kriegen als unmöglich erwies –, kehrte er nach Geislingen, das Schachspiel wieder im Gepäck, zurück. Es wurde dann schließlich König Wilhelm I. von Württemberg (reg. 1816–1864) vom Oberamt Geislingen anlässlich seiner Thronbesteigung  als Geschenk nach Stuttgart übersandt.

Das Schachspiel und sein dazugehöriger Nussbaumkasten wurden 2008 von Restauratoren gereinigt und sind seitdem in neuem Glanz im königlichen Jagdschloss von Bebenhausen, nahe Tübingen, zu bewundern. In seinem Entstehungsort Geislingen zeugt heute nur noch die im Museum im Alten Bau ausgestellte Federzeichnung von diesem kunstvoll gefertigten Schachspiel.

Nach einer erneuten Blütephase der Geislinger Elfenbeinschnitzerei im 19. Jahrhundert, als das Elfenbein aus den Kolonien günstig zu erwerben war, ließ die Bedeutung dieses Handwerks mit der Industrialisierung schrittweise nach. 1982 starb der letzte aktive Geislinger Elfenbeinschnitzer.

Getuschte Federzeichnung des Schachspiels von J. F. Knoll 
Herstellungsort/-jahr: Geislingen an der Steige, 1813
Inv.-Nr.: 580

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